


Echt jetzt? - When People Meet, While Images Collide
Ein Kooperationsprojekt mit der Biennale für aktuelle Fotografie 2020, gefördert durch die Stiftung Erlebnis Kunst
Echt jetzt? hat als künstlerisches und interaktives Vermittlungsprojekt Menschen verschiedener Altersstufen zum gemeinsamen Schreiben, Notieren und Spazieren versammelt. Drei Ausstellungen der Biennale für aktuelle Fotografie 2020 in Ludwigshafen und Mannheim wurden in diesem Kontext als Übungsfeld für Begegnung genutzt. Ein Experiment, das nur stattfinden konnte, weil es Menschen gibt, die Lust haben, mutig zu sein, Fragen zu stellen, sich zu äußern, sich zu öffnen und sich gegenseitig zuzuhören.


































Poetik des Mittendrin
„So ward ich selbst der Kapuziner“ Kleist/Brentano
Distanz ist eine Grundvoraussetzung für ästhetische Erfahrung. Wie diese Distanz hergestellt werden, vermessen, vergrößert und verringert werden kann, ist ein zentrales Thema der Moderne – von Kleist und Brentanos Immersions-Erfahrung vor Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ bis zur versiegelten Galerietür, vor der 1968 die Besucher*innen einer Ausstellung von Daniel Buren stehen.
Tine Voecks Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Rezeptionshaltungen und -Weisen der Kunst genau reflektiert und zum Thema ihrer Arbeit macht. Ohne Anwesenheit keine Erfahrung, ohne Körper kein Auge: Tine Voecks Videos und Installationen verdoppeln und verspiegeln Erscheinungen, manipulieren Distanzen und verwirren so das Auge und fordern die*den Betrachter*in auf, ihre*seine Position zu überprüfen und möglicherweise zu erweitern. Dabei begibt sie sich selbst immer wieder mitten in ihre Arrangements, wird selbst zu Objekten ihrer Kamera und verwandelt sich permanent. Bezeichnend an Tine Voecks Arbeit ist der Mut und die Lust am sich Ausliefern und Einlassen. Sie beharrt gerade nicht auf der sicheren Distanz zum Stoff und zur*m Betrachter*in - egal ob in der Rolle der DJane, Kunstvermittlerin, Bildenden Künstlerin oder Forscherin, ob sie Werke der Kunstgeschichte oder Zeitgenoss*innen befragt, sich in Museumsräumen oder Stadtteilen bewegt. Immer wieder sind es die Begegnung, der Dialog, die den Ausgangspunkt und die zentrale Methode bilden, mit Menschen ebenso wie mit Werken oder Räumen.
Jan-Philipp Possmann, 2018
Tine Voecks arbeitet interdisziplinär und eigenwillig. Als Künstlerin geht Sie mit Dingen, Fundstücken, vorgefundenen Situationen auf eine sehr persönliche Weise um und besitzt die Fähigkeit, sich intensiv und analytisch auf Orte einzulassen, deren Potentiale, Eigenheiten und Atmosphären zu sondieren und zu transformieren.
In ihren Arbeiten entwickelt sie aus Gefundenem, das beispielsweise ein Material, ein Möbel, eine Landschaft oder ein Wohnraum sein kann, eigenständige performative Displays, in denen die ursprünglichen Zusammenhänge des gefundenen Materials in veränderter Form und einem erweiterten Kontext neu auftauchen. Ein eigenes Umfeld wird eingerichtet, in dem sie das Material nicht nur neu aufeinander beziehen kann, sondern in dem sie auch sich selbst mit ihrem Körper als performatives Material einbringt, nicht zuletzt um auch ihre konzeptuelle Position als Künstlerin immer wieder neu zu hinterfragen und in der direkten Interaktion mit dem Material, der Transformation der Zusammenhänge, dem Ort der Präsentation und dem Betrachter neu zu definieren.
Die Elemente ihrer Arbeit - Fotos, Bewegungsabläufe, Zeichnungen sowie ihre eigene Erscheinung und ihr Eingreifen - werden gleichwertig eingesetzt, ein Dokumentationsfoto oder ein Konzept kann gleichzeitig das Werk werden, eine Choreografie kann die Performance sein. Ihre Beobachtungen in bestimmten kulturellen Zusammenhängen können von ihr zugleich schon als Selbstinszenierungen begriffen werden. So vermag sie es, eine eigene Dynamik in den Strukturen der Arbeit herzustellen, die nicht nur die Grenzen deren Medien radikal erweitert sondern der Frage auf den Grund geht, wie und wo Kunstproduktion heute stattfinden kann, was kulturelles Material ist und was die Parameter der eigenen Existenz in der Gesellschaft für die Produktion und Wahrnehmung von Kunst bedeuten.
Das sensible zu Eigen machen des anonymen öffentlichen Raumes und dessen undefinierter Zonen und die Fähigkeit Landschaft wie Material zu behandeln sind besondere Stärken ihrer künstlerischen Position, sie stellt dadurch eine direkte Beziehung her zu der Frage nach Öffentlichkeit, Definierbarkeit und Zugänglichkeit von Kunst in der heutigen Zeit.
In diesem Prozess befindet sich Tine in extremen Spannungsfeldern: zwischen Abstand und extremer Nähe, Kamera und Körper, Objektiv und Objekt, zwischen Zeichen und Meta-Ebene arbeitet sie mit hoch komplexen Momenten von Ambiguität und sich verschiebenden Bedeutungen und in jedem ihrer Werke ist erfahrbar, wie sie diese Spannung aushält und autonome Wege findet, sie zu transformieren. Auf intelligente Art und Weise bezieht sie den Betrachter in diesen Prozess ein, und bestärkt ihn oder sie damit, sich selbst als Teil eines Spannungsfeldes wahrzunehmen, und die Grenzen konstruierter kultureller Zwangslagen auf unkonventionelle und anti-autoritäre Weise aufzubrechen. Ohne sich dabei im Subjektiven zu verlieren entwickelt sie Konzepte, die ihrer eigenen Logik folgen, arbeitet auch mit Humor und Selbst-Ironie, und ihre Auseinandersetzung mit sprachlichen und kognitiven Prozessen bringt sie sensibel in ihren Arbeiten ein.
Aktiv stößt sie Dialoge an, sucht Kritik und Feedback zu ihrer Arbeit immer in Relation und Wechselwirkung zum Gegenüber und zu den Bedingungen der heutigen Welt.
Nora Schultz, 2016
Die Arbeit von Tine Voecks entsteht durch genaue Beobachtung der Realität und dadurch entwickelt sie eine Idee, diese in eine künstlerische Situation zu verwandeln. Alle Elemente, die Kunst sichtbar machen, das Licht, der Raum, die Bewegung, sind Teil ihrer Werke , sie arbeitet interdisziplinär und temporär, jedes Stück hat ihre eigene Bedingung und kann immer wieder neu erfahren und interpretiert werden.
Die verschiedenen Medien wie Video oder Photographie werden miteinander verwoben, Zeichnungen tauchen in Installationen auf und in ihren Performances wird sie selbst Teil einer Skulptur, die nur für einen kurzen Moment zu sehen ist.
Sie bewegt sich zwischen unterschiedlichen Disziplinen auch als suchende Künstlerin, die immer wieder das eigene Tun zum Thema hat, eine Recherche über das Selbst, das Machen von Kunst und die Wahrnehmung der Betrachter.
Ernst Caramelle, 2017
Das Ziel (…) der (…) Künstlerin Tine Voecks ist, ein „performatives Nachdenken über Wahrnehmung“ (Tine Voecks) zu stimulieren.
(…)
Tine Voecks arbeitet intermedial. Werkübergreifend zeigt die Künstlerin immer wieder Momente der Entstehung neuer Verknüpfungen und Formen. Der Umgang mit dem Sichtbaren und dem, was man nicht sieht, - die Reflexion über Auslassungen - , bedeuten eine Konzentration auf die Leerräume und somit auf das, was sich durch diese Leerräume oder die Illusion von Leerräumen zeigt. (…) Bei Voecks werden es Momente der Identifikation von Körperlichkeit in der Bewegung.
Der Bildschirm zeigt den Raum einer Black Box, aus dem sich eine gespiegelte, pinke Schaumstoffmatte schält, nach vorne schiebt und wieder zurückzieht. Auf der Suche nach Orientierung halten wir Ausschau nach Merkmalen bekannter Momente in dem zunächst abstrakten Zusammenspiel. Kaum zeigt uns die Künstlerin den Ursprung dieser abstrahierten Darstellung, doch wird in Augenblicken deutlich, dass es in der Black Box ein menschlicher Körper ist, der in enger Verbindung zu einem Material – Schaumstoff – die Formen erzeugt: Es ist keine 3-D Animation, die uns hier präsentiert wird, sondern ein analoges und taktiles Kraftausüben auf die Schaumstoffmatte. Diese Körperlichkeit wird durch die Geräuschkulisse der Bewegungen verstärkt und lädt zur Suche nach neuer Körperfindung ein. In der Suche nach Identifikationsmomenten erinnert das pinke Element dann etwa stellenweise an einen sprechenden Mund; die Bewegungen der Matte werden zum Zungenschlag, der Atmen der Performenden zur Bestätigung der Körperlichkeit. Dann wird das Bild etwa als organische Sequenz erlebbar.
Diese Fokussierung erinnert an eine bekannte Inszenierung der Kunst- und Theatergeschichte: Samuel Beckett’s – Not I. Beckett inszenierte durch seine Beleuchtung der Theaterbühne einzig den Mund der Schauspielerin Billie Whitelaw, der so zu schweben schien und ein Eigenleben bekam. Scheinbar zum eigenen Körper ernannt verfiel der Mund bei Beckett in einen dramatischen Monolog eines ,Nicht-Ichs‘, das doch über das eigene Leben und seine Windungen sinnierte. Der Mund wurde damit in seiner Körperlosigkeit zur eigenständigen Figur.
Vergleichbares findet sich in dem Video von Voecks. Hier wird bemerkenswerter Weise gerade durch die unsichtbare körperliche Bewegung die besondere Lenkung und Konzentration auf die Entstehung eines neuen Körpers gelegt. Die Sogwirkung wird nicht nur durch die Black Box, sondern auch zusätzlich durch die Videofassung der Performance betont. Ein eigenständiger Körper zeigt sich bei Voecks gleich in doppelter Weise: Aus der Körperlichkeit der Performenden, die in der Blackbox kaum sichtbar ist und die Schaumstoffmatte formt, und aus der Körperlichkeit der so entstandenen neuen Formen, die die Matte bildet. 'Memory Foam' lautet der Titel der Arbeit. Bewegungen schreiben sich in das Material ein. Das, was im Raum zu schweben scheint, kann nur in enger Verbindung zum Körper in Erscheinung treten.
Caroline Heel, Auszug aus der Eröffnungsrede/Katalogtext zigzag, 2021



Echt jetzt? - When People Meet, While Images Collide
Ein Kooperationsprojekt mit der Biennale für aktuelle Fotografie 2020, gefördert durch die Stiftung Erlebnis Kunst
Echt jetzt? hat als künstlerisches und interaktives Vermittlungsprojekt Menschen verschiedener Altersstufen zum gemeinsamen Schreiben, Notieren und Spazieren versammelt. Drei Ausstellungen der Biennale für aktuelle Fotografie 2020 in Ludwigshafen und Mannheim wurden in diesem Kontext als Übungsfeld für Begegnung genutzt. Ein Experiment, das nur stattfinden konnte, weil es Menschen gibt, die Lust haben, mutig zu sein, Fragen zu stellen, sich zu äußern, sich zu öffnen und sich gegenseitig zuzuhören.


































Poetik des Mittendrin
„So ward ich selbst der Kapuziner“ Kleist/Brentano
Distanz ist eine Grundvoraussetzung für ästhetische Erfahrung. Wie diese Distanz hergestellt werden, vermessen, vergrößert und verringert werden kann, ist ein zentrales Thema der Moderne – von Kleist und Brentanos Immersions-Erfahrung vor Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ bis zur versiegelten Galerietür, vor der 1968 die Besucher*innen einer Ausstellung von Daniel Buren stehen.
Tine Voecks Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Rezeptionshaltungen und -Weisen der Kunst genau reflektiert und zum Thema ihrer Arbeit macht. Ohne Anwesenheit keine Erfahrung, ohne Körper kein Auge: Tine Voecks Videos und Installationen verdoppeln und verspiegeln Erscheinungen, manipulieren Distanzen und verwirren so das Auge und fordern die*den Betrachter*in auf, ihre*seine Position zu überprüfen und möglicherweise zu erweitern. Dabei begibt sie sich selbst immer wieder mitten in ihre Arrangements, wird selbst zu Objekten ihrer Kamera und verwandelt sich permanent. Bezeichnend an Tine Voecks Arbeit ist der Mut und die Lust am sich Ausliefern und Einlassen. Sie beharrt gerade nicht auf der sicheren Distanz zum Stoff und zur*m Betrachter*in - egal ob in der Rolle der DJane, Kunstvermittlerin, Bildenden Künstlerin oder Forscherin, ob sie Werke der Kunstgeschichte oder Zeitgenoss*innen befragt, sich in Museumsräumen oder Stadtteilen bewegt. Immer wieder sind es die Begegnung, der Dialog, die den Ausgangspunkt und die zentrale Methode bilden, mit Menschen ebenso wie mit Werken oder Räumen.
Jan-Philipp Possmann, 2018
Tine Voecks arbeitet interdisziplinär und eigenwillig. Als Künstlerin geht Sie mit Dingen, Fundstücken, vorgefundenen Situationen auf eine sehr persönliche Weise um und besitzt die Fähigkeit, sich intensiv und analytisch auf Orte einzulassen, deren Potentiale, Eigenheiten und Atmosphären zu sondieren und zu transformieren.
In ihren Arbeiten entwickelt sie aus Gefundenem, das beispielsweise ein Material, ein Möbel, eine Landschaft oder ein Wohnraum sein kann, eigenständige performative Displays, in denen die ursprünglichen Zusammenhänge des gefundenen Materials in veränderter Form und einem erweiterten Kontext neu auftauchen. Ein eigenes Umfeld wird eingerichtet, in dem sie das Material nicht nur neu aufeinander beziehen kann, sondern in dem sie auch sich selbst mit ihrem Körper als performatives Material einbringt, nicht zuletzt um auch ihre konzeptuelle Position als Künstlerin immer wieder neu zu hinterfragen und in der direkten Interaktion mit dem Material, der Transformation der Zusammenhänge, dem Ort der Präsentation und dem Betrachter neu zu definieren.
Die Elemente ihrer Arbeit - Fotos, Bewegungsabläufe, Zeichnungen sowie ihre eigene Erscheinung und ihr Eingreifen - werden gleichwertig eingesetzt, ein Dokumentationsfoto oder ein Konzept kann gleichzeitig das Werk werden, eine Choreografie kann die Performance sein. Ihre Beobachtungen in bestimmten kulturellen Zusammenhängen können von ihr zugleich schon als Selbstinszenierungen begriffen werden. So vermag sie es, eine eigene Dynamik in den Strukturen der Arbeit herzustellen, die nicht nur die Grenzen deren Medien radikal erweitert sondern der Frage auf den Grund geht, wie und wo Kunstproduktion heute stattfinden kann, was kulturelles Material ist und was die Parameter der eigenen Existenz in der Gesellschaft für die Produktion und Wahrnehmung von Kunst bedeuten.
Das sensible zu Eigen machen des anonymen öffentlichen Raumes und dessen undefinierter Zonen und die Fähigkeit Landschaft wie Material zu behandeln sind besondere Stärken ihrer künstlerischen Position, sie stellt dadurch eine direkte Beziehung her zu der Frage nach Öffentlichkeit, Definierbarkeit und Zugänglichkeit von Kunst in der heutigen Zeit.
In diesem Prozess befindet sich Tine in extremen Spannungsfeldern: zwischen Abstand und extremer Nähe, Kamera und Körper, Objektiv und Objekt, zwischen Zeichen und Meta-Ebene arbeitet sie mit hoch komplexen Momenten von Ambiguität und sich verschiebenden Bedeutungen und in jedem ihrer Werke ist erfahrbar, wie sie diese Spannung aushält und autonome Wege findet, sie zu transformieren. Auf intelligente Art und Weise bezieht sie den Betrachter in diesen Prozess ein, und bestärkt ihn oder sie damit, sich selbst als Teil eines Spannungsfeldes wahrzunehmen, und die Grenzen konstruierter kultureller Zwangslagen auf unkonventionelle und anti-autoritäre Weise aufzubrechen. Ohne sich dabei im Subjektiven zu verlieren entwickelt sie Konzepte, die ihrer eigenen Logik folgen, arbeitet auch mit Humor und Selbst-Ironie, und ihre Auseinandersetzung mit sprachlichen und kognitiven Prozessen bringt sie sensibel in ihren Arbeiten ein.
Aktiv stößt sie Dialoge an, sucht Kritik und Feedback zu ihrer Arbeit immer in Relation und Wechselwirkung zum Gegenüber und zu den Bedingungen der heutigen Welt.
Nora Schultz, 2016
Die Arbeit von Tine Voecks entsteht durch genaue Beobachtung der Realität und dadurch entwickelt sie eine Idee, diese in eine künstlerische Situation zu verwandeln. Alle Elemente, die Kunst sichtbar machen, das Licht, der Raum, die Bewegung, sind Teil ihrer Werke , sie arbeitet interdisziplinär und temporär, jedes Stück hat ihre eigene Bedingung und kann immer wieder neu erfahren und interpretiert werden.
Die verschiedenen Medien wie Video oder Photographie werden miteinander verwoben, Zeichnungen tauchen in Installationen auf und in ihren Performances wird sie selbst Teil einer Skulptur, die nur für einen kurzen Moment zu sehen ist.
Sie bewegt sich zwischen unterschiedlichen Disziplinen auch als suchende Künstlerin, die immer wieder das eigene Tun zum Thema hat, eine Recherche über das Selbst, das Machen von Kunst und die Wahrnehmung der Betrachter.
Ernst Caramelle, 2017
Das Ziel (…) der (…) Künstlerin Tine Voecks ist, ein „performatives Nachdenken über Wahrnehmung“ (Tine Voecks) zu stimulieren.
(…)
Tine Voecks arbeitet intermedial. Werkübergreifend zeigt die Künstlerin immer wieder Momente der Entstehung neuer Verknüpfungen und Formen. Der Umgang mit dem Sichtbaren und dem, was man nicht sieht, - die Reflexion über Auslassungen - , bedeuten eine Konzentration auf die Leerräume und somit auf das, was sich durch diese Leerräume oder die Illusion von Leerräumen zeigt. (…) Bei Voecks werden es Momente der Identifikation von Körperlichkeit in der Bewegung.
Der Bildschirm zeigt den Raum einer Black Box, aus dem sich eine gespiegelte, pinke Schaumstoffmatte schält, nach vorne schiebt und wieder zurückzieht. Auf der Suche nach Orientierung halten wir Ausschau nach Merkmalen bekannter Momente in dem zunächst abstrakten Zusammenspiel. Kaum zeigt uns die Künstlerin den Ursprung dieser abstrahierten Darstellung, doch wird in Augenblicken deutlich, dass es in der Black Box ein menschlicher Körper ist, der in enger Verbindung zu einem Material – Schaumstoff – die Formen erzeugt: Es ist keine 3-D Animation, die uns hier präsentiert wird, sondern ein analoges und taktiles Kraftausüben auf die Schaumstoffmatte. Diese Körperlichkeit wird durch die Geräuschkulisse der Bewegungen verstärkt und lädt zur Suche nach neuer Körperfindung ein. In der Suche nach Identifikationsmomenten erinnert das pinke Element dann etwa stellenweise an einen sprechenden Mund; die Bewegungen der Matte werden zum Zungenschlag, der Atmen der Performenden zur Bestätigung der Körperlichkeit. Dann wird das Bild etwa als organische Sequenz erlebbar.
Diese Fokussierung erinnert an eine bekannte Inszenierung der Kunst- und Theatergeschichte: Samuel Beckett’s – Not I. Beckett inszenierte durch seine Beleuchtung der Theaterbühne einzig den Mund der Schauspielerin Billie Whitelaw, der so zu schweben schien und ein Eigenleben bekam. Scheinbar zum eigenen Körper ernannt verfiel der Mund bei Beckett in einen dramatischen Monolog eines ,Nicht-Ichs‘, das doch über das eigene Leben und seine Windungen sinnierte. Der Mund wurde damit in seiner Körperlosigkeit zur eigenständigen Figur.
Vergleichbares findet sich in dem Video von Voecks. Hier wird bemerkenswerter Weise gerade durch die unsichtbare körperliche Bewegung die besondere Lenkung und Konzentration auf die Entstehung eines neuen Körpers gelegt. Die Sogwirkung wird nicht nur durch die Black Box, sondern auch zusätzlich durch die Videofassung der Performance betont. Ein eigenständiger Körper zeigt sich bei Voecks gleich in doppelter Weise: Aus der Körperlichkeit der Performenden, die in der Blackbox kaum sichtbar ist und die Schaumstoffmatte formt, und aus der Körperlichkeit der so entstandenen neuen Formen, die die Matte bildet. 'Memory Foam' lautet der Titel der Arbeit. Bewegungen schreiben sich in das Material ein. Das, was im Raum zu schweben scheint, kann nur in enger Verbindung zum Körper in Erscheinung treten.
Caroline Heel, Auszug aus der Eröffnungsrede/Katalogtext zigzag, 2021